Bei achtzig Grad Nord geht das Herz auf
Vor dem Fenster Spitzbergen: Eine Schiffsreise durch knisterndes Polarmeer an den Südrand des ewigen Eises

Ein wenig teilnahmslos blickt die russische Band in ihr Publikum im Kulturzentrum von Barentsburg. Sie spielt ein norwegisches Lied: als Zeichen des Respekts für die Nachbarn. So hat es Katharina, die örtliche Postbeamtin, Fremdenführerin und Moderatorin der Folkloreshow in Personalunion, angekündigt. Der Bassist mit sorgfältig gescheiteltem Langhaar hebt keine Augenbraue. Doch dann erklingt „Kalinka“, und die russische Volksseele seufzt auf. Mädchen wirbeln in wippenden Glockenkleidern und roten Schuhen über die Bühne, der in Grün gewandete Chor jubelt dazu.

Das russische Barentsburg ist der letzte Landgang, der in Straßenschuhen zu bewältigen ist – vor Ny-Alesund, der nördlichsten Siedlung der Welt, wo es sich Forscher aus allen Ländern gemütlich gemacht haben und Polarfüchse um die Häuser streifen. Doch sie bleibt dem Rückweg und der schrittweisen Rückgewöhnung an die besiedelte Welt vorbehalten.

In der Bergbaustadt Barentsburg steht Sowjet-Architektur neben traditionellen Holzhäusern, wie man sie in Russland kaum mehr findet. Lenin sitzt auf seinem Sockel. Und auch die soziale Infrastruktur zeugt von den sozialistischen Tagen des staatlichen Bergwerks. Kino und Schwimmbad sind gratis, die Bar gefährlich heimelig. Die Einwohnerstruktur – 600 Männer, 200 Frauen, 31 Kinder – lässt die Dramen des Alltags erahnen. Der Tagestourismus durch Kreuzfahrtschiffe schließt immerhin Versorgungslücken.

Nun würden bald die Handies schweigen, warnt zurück an Bord einer der guides, die die Fahrt der MS Nordstjernen ums westliche Spitzbergen begleiten. Alle nicken erleichtert, als wären sie froh, die Drähte nach Hause zu kappen. Die Reise auf dem 1956 gebauten, in poliertem Holz und Messing glänzenden Schiff, die sich in bester polarer Tradition Expedition nennt und nicht Kreuzfahrt, soll ganz aus dem Alltag führen: so weit nach Norden, wie es der Golfstrom erlaubt, der diesen Teil der Barentssee eisfrei hält. Und getreu der alten Walfängerweisheit: Wenn nichts mehr geht im Leben, kann man immer nach Spitzbergen gehen, wo die Natur schön ist und unbarmherzig und das Treibeis im Polarmeer lauter knackt und knistert als das eigene Herz klopft. Ein Ort, um die Welt zu vergessen, und wöge sie auch noch so schwer.

Longyearbyen, seit jeher Ausgangspunkt polarer Expeditionen, war schnell überblickt. Der Hauptort Spitzbergens besitzt einen Flughafen – den nördlichsten auf der Welt, der im Liniendienst angeflogen wird. Außerdem einen Hafen, 1800 Einwohner und 42 Kilometer Straßen, die alle ins Nichts führen. Das Städtchen zieht sich durchs Tal des Longyear-Gletschers bis zur Küste hinab: zu Fuß eine mühsame Wegstrecke, zumal in der Dunkelheit des Winters, wenn trotz der Wache, die rund um die Uhr nach Raubtieren Ausschau hält, immer wieder Abdrücke von Eisbärenpranken den Schnee zieren. Bis auf die Unberechenbarkeit der Tiere ist das Leben in Longyearbyen klar strukturiert: vom 19. April bis 23. August wird es nicht dunkel, von Anfang November bis Ende Januar nicht hell. Und auch im Sommer muss bei Durchschnittstemperaturen um fünf Grad niemand schwitzen.

Norweger, die Winterdepressionen und andere Verstörungen des Herzens häufig auch mit Alkohol betäuben, gingen früher nach Spitzbergen, um Eisbären und Polarfüchse zu jagen. Das brachte unbedingt auf andere Gedanken und bedeutete außerdem beträchtliche Verdienstmöglichkeiten.

Wanny Woldstad, geboren 1893, war die erste Eisbärjägerin. Sie war zum zweiten Mal Witwe geworden, als sie den Pelzjäger Anders Saeterdal traf. Fortan verbrachten die beiden mehrere Winter auf Spitzbergen.
Geschichten wie ihre finden sich viele in den überheizten kleinen Museen von Longyearbyen und Barentsburg, durch die sich die Besucher in viel zu goßen Leihpantoffeln schieben, weil sie die Wanderstiefel wie in jedem ordentlichen Spitzbergener Haus an der Türschwelle abgestreift haben. Nicht Lebensalter und Broterwerb herausragender Bürger sind dort an erster Stelle vermerkt, sondern die Zahl der von ihnen bezwungenen arktischen Winter. In Barentsburg liegt Ivan Starostin uneinholbar vorn: 39 Winter verbrachte er in Spitzbergen, davon 15, ohne zwischendurch aufs Festland zurückzukehren. Das nötigt Ehrfurcht ab, ähnlich wie das fünf Kilogramm schwere, graue Eisbärenherz, das in einem Glas im Raum über die Fauna aufbewahrt wird.

Solchermaßen eingestimmt, geht es an Bord an die Arbeit: Kahle Berge und türkisfarben leuchtende Gletscher werden mit Feldstechern und Objektiven nach Eisbären abgesucht, die glatte Wasseroberfläche nach Walflossen. Ein Eisbär fehle ihm sehr, jammert der Herr aus Köln, der die Fauna der ganzen Welt beschlichen hat.

Seit 1973 ist alle Bärenjagd verboten. Auch die mit der Kamera. Denn wer sich einem Eisbär nähert, hat meist keine Zeit mehr zu staunen, wie schnell dieses Tier rennen kann. Eindringlich wird davor gewarnt, sich jenseits der Siedlungen unbewaffnet zu bewegen. Schießen darf man aber nur zum Abschrecken. Oder in Notwehr. Doch auch ohne Jagd ist Spitzbergen Herausforderung geblieben. Und Prüfstein. Hilde, die blonde Norwegerin, erzählt bei Tisch von ihren Flitterwochen in einem Zelt in der Wildnis. Das war fabelhaft, und nun haben sie und ihr Mann Lust auf die ultimative Bewährungsprobe der Liebe: eine gemeinsame Polarnacht in Spitzbergen. Draußen Schneesturm und hungrige Bären, innen zwei Herzen im Gleichklang, eine Flasche Wein zwischen sich und eine Nacht, die über 100 Tage dauert. Die anderen lächeln gerührt. Das Schiff beginnt ordentlich zu schaukeln.

Der Diskurs über die Stürme der Polarnacht verlagert sich an die Bar. Der Bericht der Schweizerin Christiane Ritter, die, bewehrt mit Dünndruckbibel und Kamelhaarwäsche, in den 30er Jahren ihrem Mann nach Spitzbergen folgte, zählt unter dem Titel „Eine Frau erlebt die Polarnacht“ zu den Klassikern der Spitzbergen-Literatur und den umkämpften Stücken in der Bord-Bibliothek der Nordstjernen. Auch „Mord in Spitzbergen“ von Anne B. Ragde gehört dazu, die Geschichte einer von Herzschmerz geplagten Mittdreißigerin, die in Spitzbergen Rache sucht und Frieden findet.

15 Stunden mittelschweren Schlingerns nördlich von Barentsburg sind einige Passagiere blass wie der Himmel. Die Guides bereiten ungerührt die Landung vor: in der Wildnis des Bockfjords, wo es keinen Weg und keinen Steg gibt, nur Bäche und Geröll am Fuße eines Gletschers. Sie haben vier Schuss im Gewehr, falls der Bär kommt, und Leuchtpistolen. Und mahnen: Was älter ist als Jahrgang 1946, ist Denkmal und darf nicht aufgehoben werden. Wer aber angeschwemmten Müll aufs Schiff mitnimmt, kriegt dafür eine Anstecknadel vom Gouverneur, auf der „Clean up Svalbard“ steht.

Ein Schritt ist es von der Treppe in den Zodiac, ein Schlauchboot, das neben der algengrünen Wand der Nordstjernen ausgesprochen jämmerlich und ein bisschen nach Schiffbruch aussieht. Zwei Grad misst das Wasser. Die Stufen wogen in blauen Wellen. Zwei weitgereiste Damen von über 80 Jahren machen vor, wie es geht: mit einem beherzten Schritt. Dann sitzen alle und versuchen, in den hochgeschlossenen Rettungswesten ein bisschen zu atmen.

Am Strand fliegen die Zwangsjacken auf einen Haufen. Hier herrscht Stille. Die Wolken werfen ihre Schatten auf dunkelrote Berge. Winzige Blüten schauen in Zentimeterhöhe aus dem weichen Tundraboden: Polarweide. Dies Pflänzchen will ein Baum sein, weil sein Stiel Holz enthält. Bewacht von den guides stolpert die Gruppe über eine halsbrecherische Steinlandschaft zu den heißen Quellen Jotunkjeldane. Heiß bedeutet in Spitzbergen 14 bis 16 Grad Celsius. Die Besucher schauen und staunen. Im Rücken ein erloschener Vulkan, links und rechts Gletscher, vorn das glatte, eisblaue Meer: Wäre man alleine hier, man hätte Grund, an der Existenz der restlichen Welt zu zweifeln.

Es geht auf elf Uhr am Abend. Die Nordstjernen hat den Monaco-Gletscher mit seiner türkisfarbenen Eiskante passiert, als das Gerücht vom Eisbär die Runde macht. Am Fuß eines Gletschers im Smeerenburgfjord will ihn ein Passagier ausgemacht haben. Der Kapitän lässt mit sich reden, dreht bei und steuert zurück durch die helle Nacht. Vor dem Gletscher drängt sich alles ins Bug des Schiffs. Ob der Bär gewartet hat?

Der Herr aus Köln will verzweifeln: Ein Felsen sei das und kein Bär. Da schaut der Felsbrocken von der Robbe auf, die er genüsslich zerfleischt, geht ein paar Schritte, kehrt zurück und nimmt noch einen Bissen. Ferngläser werden umhergereicht, es wird geknipst und ein Polarfuchs weiter am oben am Hang entdeckt. Bis die Hände lange nach Mitternacht so eingefroren sind, dass sie sich ungelenk um die von der Besatzung gereichten Schnapsgläser legen.

Beim nächsten Landgang hält Hilde und einige Engländer nichts mehr: Nackt tauchen sie ins eisige Wasser. Sekundenbruchteile später fliegen sie zurück ans Ufer. Die anderen klappern in Mütze, Schal, Fleecehemden und Daunenjacken mit den Zähnen und fragen sich, ob so der Arktiskoller aussieht.

Das Schiffshorn brüllt, Sektkorken knallen. Die Nordstjernen quert den 80. Breitengrad Nord. Das geht nur hier, im Nordatlantik. Anderswo wäre die Welt längst zugefroren. Alle fotografieren einander vor hellem Himmel und Treibeis. Ist es Morgen oder Abend? Niemand weiß es mehr genau, und wichtig ist es auch nicht. Flach und kahl taucht Moffen Island aus dem Meer. Am Strand liegen Steine und Treibholz, fette Walrösser hängen aufeinander. Ihre Stoßzähne funkeln in blasser Sonne. Näher als 300 Meter dürfen Schiffe sich der Insel nicht nähern, um die Tiere nicht zu stören. Eines rafft sich auf, wälzt sich ins Wasser und schwimmt vorbei, um zu sehen, was da los ist auf dem Schiff. Eissturmvögel gleiten vorbei und lächeln flüchtig.

Nördlich liegen die Packeisgrenze und - tausend Kilometer von hier - der Nordpol. Eine Ahnung alten Entdeckergeistes beschleunigt den Puls. Dann wendet die Nordstjernen gemächlich. Es geht zurück nach Süden. Dort liegt von hier aus die ganze Welt: ein Ort, wo die Nächte dunkel sind und die Tage hell. Und das Leben zügig weiterrauscht.

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