Nizza zum Frühstück, Neapel zum Lunch
Vier Häfen und ein Traumschiff: Auf der „Seven Seas Voyager" durchs Mittelmeer

Fischerboote schwappten im Hafenbecken neben Yachten, auf denen Leute die Beine hochlegten und die Fassaden der Stadt auf sich wirken ließen. Die Häuser, in den Farben von Orange, Zitrone und Wassermelone gestrichen, schauten aus halb geschlossenen Fensterläden zurück. Möwen zogen Kreise, in Bars und Restaurants wurden die ersten Stühle gerückt und frühe Pastis ausgeschenkt. Als wir durch Nizza schlenderten, holte die Stadt nach sonnendurchflutetem Nachmittag gerade Atem für den Abend. Ein Stück weiter draußen lag das Schiff. Obwohl es für seine Gattung klein ist, sah es neben den Motoryachten aus wie ein Hochhaus im Schrebergarten. Wir hatten es eilig hinzukommen. Für Nizza blieb nur ein kurzer Blick zurück. Dann lief die „Seven Seas Voyager“ aus, zu anderen Häfen, die aber vielleicht ebenso hell leuchten würden wie dieser.

„Das größte Ziel aller Reisenden ist, das Mittelmeer zu sehen“, wusste bereits der englische Schriftsteller Dr. Johnson. Das ist auch heute noch so, wenn auch fast jeder die Welt von der Karibik bis zu den Kapverden kennt. Dieses Meer, meist blau und sanft, ist vertraut seit Kindertagen, und die schönsten Städte und Landschaften des Kontinents säumen seine Ufer. Es ist außerdem wie gemacht für Kreuzfahrten. Da Ausflüge den Passagieren kaum Zeit lassen, mehr als einen flüchtigen Eindruck vom Land hinterm Hafen zu gewinnen, bietet sich eine Route, deren Stationen nicht gänzlich unvertraut sind, für die Schiffsreise förmlich an – immerhin kann man so das tröstliche Gefühl pflegen, den Gestaden kein Übermaß an Borniertheit zuzumuten.

Unser Schiff war ein Schloss. Kein protziges wie Versailles, sondern ein kleines Schmuckstück wie das Petit Trianon. Dabei besitzt die „Seven Seas Voyager“ nicht mal die vornehm schimmernde Patina langer Reisejahre rund um die Welt, sondern funkelt frisch und neu. Aber dezent. Das ist man sich und den Passagieren schuldig. Keine schrille Farbe, kein unruhiges Muster lenkt das Auge ab von der dunkelgrünen Linie der Küste, statt Plastik ächzt leise Teakholz auf Decks und Balkons, wo die Passagiere sich räkeln wie träge Katzen in der Sonne. Doch das Geheimnis schicker Schiffe liegt nicht in eleganten Marmorbädern, tiefen Fauteuils oder der ständigen Verfügbarkeit gut gekühlten Chardonnays. Ihr wahrer Luxus besteht darin, dass sie ihren Gästen die Gelegenheit zur vollständigen Regression geben – das einzige Problem, das hier noch eigenständig zu lösen ist, ist die Kleiderwahl am Abend.

Es ist das Richtige für alle, die schon immer glaubten, im Deckchair bei leichter Lektüre Erfüllung finden zu können; auch für jene, die gerne mal bei sich denken wollen: „Sollte wohl nach dem Butler läuten“; und schließlich für alle vom Leben Gebeutelten. Nichts, das man bedenken müsste, nichts, das man vergessen könnte – um alles kümmern sich andere. Die Landgänge dauern gerade so lang, dass man erschöpft von der Hektik draußen freudig an Bord zurückkehrt. Endlich wieder in der Kabine. Appetitliche Häppchen stehen dort bereit, es wurde aufgeräumt, und ein Bulletin bereitet auf den nächsten Tag vor. Hostess Myriam wird in die Geheimnisse der Stickerei einführen, Computerfachfrau Christy erklären, wie man im Internet surft. Das Land, das man vom Balkon aus sieht, wird ab 14 Uhr Sardinien heißen.

Die „Seven Seas“ ankerte in Olbia, derweil sich die Passagiere noch mit Meeresfrüchten, Spaghetti Carbonara und ganz leichtem Weißwein beschäftigten. Bald darauf brausten einige in Bussen davon, um die Costa Smeralda zu inhalieren. Wir machten uns auf nach Olbia. Zu Fuß. Kein Taxi war zu sehen, dafür liegt der Hafen womöglich zu weit weg von der Stadt. Es ist ein längerer Spazierweg dorthin, gerade so lang, dass man sich guten Gewissens gleich ins nächste Café begeben kann. Davon gibt es einige; auch Geschäfte, die am Samstag Nachmittag aber alle geschlossen sind. In Olbia schaut man jetzt wie überall sonst in Europa Fußball. Oder sitzt auf der Piazza und versucht den Lärm jugendlicher Skateboard-Amateure zu ertragen, die der provinziellen Atmosphäre hohe Sprünge entgegen setzen. Dass der Aga Khan ganz in der Nähe ein Sommer-Dorado des Geldadels schuf, scheint von Olbia aus betrachtet nur ein erstaunlicher Zufall zu sein.

Anderntags lag Sorrent vor den Fenstern und das Tenderboot, das uns in den Hafen bringen sollte, auf dem Wasser. Der Vorhang blähte sich im Wind, auf dem Meer tanzte Gischt auf Wellen, die zu Wogen wurden. Kapitän Dag Dvergastein meldete sich zu Wort. Für das Tenderboot sei es zu unruhig geworden, an einen Ausstieg gar nicht zu denken. Man wolle stattdessen auf die andere Seite der Bucht nach Neapel verholen. Das war leichter gesagt als getan, und Teile der Mannschaft mühten sich nun halbstundenlang, das Boot in die Nähe des Schiffs und schließlich an Bord zu bringen.

Dann tauchte Neapel aus morgendlichem Dunst. Der Hafen liegt unmittelbar vor der Innenstadt, getrennt nur durch eine breite Straße, die zu überqueren nicht ohne Risiko ist. Von da an ist der Landgang wirklich ein Spaziergang. Am Morgen sei die Millionenstadt noch am ruhigsten, behauptet ein Reiseführer. Nicht auszudenken, was hier an einem Freitag Abend los sein muss. Jetzt ist nämlich Sonntag Vormittag, und Neapel schwarz von Menschen. Dichtgedrängt schieben sie sich an fliegenden Handtaschen-Händlern vorbei durch die Straßen und in die Arkaden der Galleria Umberto, unter deren Kuppel heute fast alle Geschäfte geschlossen sind; sie dirigieren Kinder, betrachten Auslagen, telefonieren beidhändig und essen zwischendurch rasch ein Eis. Auch für den Kirchgang finden sie Zeit; ein dynamisches Ereignis, zu dem die Gemeinde zu den unterschiedlichsten Zeiten herbei strömt. Der Gesang des Chors lässt Tränen über Wangen rollen, man bekreuzigt sich, zum Klang der Orgel kommen und gehen Menschen. Alles fließt, das weiß man hier, und am Sonntag ist viel zu tun: Auf der Piazza Fußball spielen, in der Sonne Zeitung lesen, am Straßenrand die Schuhe putzen lassen, mit dem Mofa in selbstmörderischer Eile durch halsbrecherisch zerlöcherte Gassen heizen. Schließlich im Café verschnaufen nach all den Anstrengungen, die zu beobachten allein schon erschöpfend ist.

Bei Kapitän Dvergasteins Empfang am Abend berichteten die Ausflügler von Capri und dem Vesuv, von hellem Himmel und wilder Naturgewalt. Der Kapitän selbst, nach zweistelligen Dienstjahren vermutlich einer der meistfotografierten Männer der Welt, posierte gefasst mit allen Passagieren. Die nickten und lächelten über ihren Cocktails nach links und rechts. Auf See begegnen sich immer wieder alle jene, die in ähnlichem Rhythmus durch die Restaurants und über die Decks rotieren: die Dame mit dem blonden Bob, um deren Unterhaltung sich gleich drei geschniegelte Herren bemühen, die staubig gepuderte Fernsehmoderatorin, das missmutige junge Pärchen aus Wien, die lärmende Gruppe süddeutscher Adeliger. Alle sind erfahrene Kreuzfahrer, viele erlebten die Blüte ihres Lebens in den 70er Jahren, wie Haifischkragen an Hälsen und Slipper an den Füßen verraten. Die Beobachtung der Mitreisenden ist nicht die geringste der Vergnügungen auf der „Seven Seas Voyager“.

Ach, Elba. Napoleon muss schon einen leichten Defekt gehabt haben, dass er von hier aus nochmal zurückstrebte auf die Bühne der Weltpolitik. Nur wenige Orte auf Erden können doch dem Himmel näher sein als die grüne Felseninsel mit ihrer verwinkelten Küste, an die Wasser plätschert, so klar, dass man auf der Stelle mindestens die Schuhe wegwerfen möchte. Jeder andere hätte sich hier am Ziel gewähnt. Für Napoleon aber war Elba nur eine 300 Tage währende Durchgangsstation auf dem Weg nach Waterloo. Dabei genoss er von seinem Garten und den Fenstern der Villa dei Mulini eine Aussicht auf das Hafenstädtchen Portoferraio und das Meer, die noch in der Erinnerung zu beruhigen und mit vielem zu versöhnen vermag.

30.000 Menschen leben heute auf Elba, weniger noch als in Olbia. Die meisten verdienen ihr Geld immer noch mit Landwirtschaft und Fischfang, und so entsteht der Eindruck, der Tourismus sei für sie nur ein Hobby. Designerboutiquen und Restaurants sind diskret in die bunten Fassaden an den Häfen von Portoferraio und Porto Azzurro eingefügt, und in den holprigen Gassen der Städtchen, die selbstvergessen still in der Mittagshitze ruhen, könnte man glauben, die Menschen hier würden womöglich gar nicht mit Besuchern rechnen. Trotzdem hält eine Eisdiele am Hafen Stracciatella- und Nougat-Eis bereit, das seinen Preis unbedingt wert ist. Und während wir noch überlegten, ob es sich wohl lohnen würde, hier eine Pension zu betreiben, mussten wir im Tenderboot über spiegelglattes Wasser zurück zum Schiff.

Der trübe Himmel über Nizza passte zur Vertreibung aus der Idylle der „Sieben Meere“. Im Morgengrauen hatte es prasselnd geregnet. Unverhohlen begann nun das Personal, sich auf ein Leben nach uns vorzubereiten, und deckte die Tische für das Mittagessen anderer ein. In ein paar Stunden schon sollte es weitergehen nach Barcelona. Uns blieb ein Wiedersehen mit Nizza nach gut tausend Seemeilen. Wir ließen uns durch die Straßen und Läden der Altstadt treiben, betrachteten die Auslagen von Boutiquen, Käsegeschäften und Fischhändlern, bis wir an der Cours Saleya, dem Blumenmarkt, und schließlich am kieseligen Strand ankamen. Dort, wo die Promenade des Anglais schon vom Quai des États-Unis abgelöst wird, dachten wir übers Abschiednehmen nach, und suchten das Meer nach der Silhouette der „Seven Seas Voyager“ ab. Wir sahen sie nicht mehr.


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